Wir sind alle Inseln
Stellen Sie sich vor, jeder Mensch ist eine eigene Insel. Darauf liegt alles, was ihn geprägt hat: Eltern, Erlebnisse, Erfolge, Verletzungen, Werte, blinde Flecken. Keine zweite Insel sieht aus wie die eigene – und genauso ist es bei jedem Gesprächspartner. Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, treffen also zwei komplett unterschiedlich geprägte Welten aufeinander. Derselbe Satz kann auf der einen Insel einen Streit auslösen und auf der anderen ein Lächeln.
Pingpong statt Gespräch
Schauen Sie sich einmal an, wie die meisten Gespräche im Alltag tatsächlich laufen: A redet. B hört nicht wirklich zu, sondern wartet, bis er selbst dran ist – und formuliert dabei innerlich schon die eigene Antwort. Dann redet B, und A wartet seinerseits. Zwei Sender, kein Empfänger. Am Ende haben zwei Menschen miteinander gesprochen, und keiner war tatsächlich auf der Insel des anderen. Kein Wunder, dass man sich danach unverstanden fühlt.
Überreden oder überzeugen?
Daraus ergeben sich zwei grundverschiedene Wege. Der erste, aus klassischen Verkaufs- und Rhetorikseminaren bekannt: Überreden. Man versucht, den anderen mit Argumenten und Druck auf die eigene Insel zu ziehen. Vielleicht nickt er am Ende sogar – innerlich ist er längst in Abwehrhaltung, und sobald er wieder auf seiner Insel ist, tut er oft das Gegenteil von dem, was ihm „verkauft“ wurde.
Der zweite Weg ist das Überzeugen, und er funktioniert andersherum: Man geht auf die Insel des anderen. Schaut sich dort um. Versteht, welche Sorgen dort liegen, welche Werte, welche Erfahrungen. Erst dann lässt sich sinnvoll anknüpfen – und aus dem Gespräch entsteht ein gemeinsames Verständnis, dem der andere freiwillig folgt, weil er nicht gezwungen wurde. Für mich ist das das einzig tragfähige Führungskonzept, egal ob im Unternehmen, in Verhandlungen mit Gläubigern oder im Team.
Offene Fragen: das Boot zur Insel
Das Werkzeug, um auf die Insel des anderen zu gelangen, sind offene Fragen – keine Ja-Nein-Fragen, bei denen die Antwort schon feststeht, sondern echte Fragen, auf die man selbst noch keine fertige Antwort hat: „Wie sehen Sie das?“ „Was beschäftigt Sie daran?“ „Was wäre für Sie ein gutes Ergebnis?“ „Was bräuchten Sie, damit das für Sie stimmig ist?“
Offene Fragen allein reichen aber nicht, wenn nicht wirklich zugehört wird. Echtes Zuhören bedeutet, den ständigen inneren Dialog leiser zu machen – das gedankliche Vorformulieren der eigenen Antwort, das Bewerten, das Sammeln von Gegenargumenten, während der andere noch spricht. Ein praktischer Trick: Vor wichtigen Gesprächen drei bis vier offene Fragen aufschreiben. Nicht, um sie wie eine Checkliste abzuarbeiten, sondern um sich selbst vorab auf den anderen einzuschwingen, statt mit den eigenen Argumenten im Kopf ins Gespräch zu gehen. Wie sich diese Haltung konkret auf schwierige Gespräche mit Gläubigern übertragen lässt, beschreibe ich in meinem Beitrag zu Gesellschafterkonflikten in der Unternehmenskrise und in meinem Artikel zu Wie man eine Unternehmenskrise richtig kommuniziert.
Eine deutsche Managementtrainerin und Bestsellerautorin, die als Pionierin der gehirngerechten Kommunikation gilt. Viele ihrer Vorträge sind bis heute frei zugänglich.
Überreden zielt auf ein Nicken im Moment. Überzeugen zielt auf ein Verständnis, das über das Gespräch hinaus trägt – und das sich in Entscheidungen der anderen Seite später wieder zeigt.
Gerade dort. Wer versteht, welche Sorgen und Handlungsoptionen der Gläubiger tatsächlich hat, kann ein Angebot formulieren, das nicht nur gehört, sondern angenommen wird.