Was Unternehmer von der Krisenbewältigung über sich selbst lernen

Krisenbewältigung und persönliche Entwicklung für Unternehmer

Krisen kommen selten mit Vorwarnung. Aber sie bringen immer etwas mit, das vorher im Verborgenen lag. In meiner Arbeit als Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht erlebe ich seit Jahren, wie Unternehmer in der Krise nicht nur mit wirtschaftlichen Problemen konfrontiert werden, sondern auch mit sich selbst. Mit Mustern, die sie jahrelang nicht hinterfragt haben. Mit blinden Flecken, die in guten Zeiten unsichtbar blieben. Und manchmal mit Wahrheiten, vor denen sie lange weggelaufen sind.

Wenn der Schatten sichtbar wird

C.G. Jung hat den Begriff des Schattens geprägt – jene Anteile unserer Persönlichkeit, die wir nicht sehen wollen, die wir verdrängen oder auf andere projizieren. Im Alltag funktioniert das erstaunlich gut. Solange das Geschäft läuft, solange die Zahlen stimmen, solange niemand unbequeme Fragen stellt, bleiben diese Anteile im Dunkeln. Die Krise ändert das. Sie ist wie ein Scheinwerfer, der plötzlich auf das fällt, was vorher im Schatten lag.

Jungs Konzept ist kein esoterisches Konstrukt. Es beschreibt einen zutiefst menschlichen Mechanismus: Wir alle haben Seiten, die wir nicht gern zeigen. Im unternehmerischen Kontext kann das die Angst vor Kontrollverlust sein, die sich als Mikromanagement äußert. Oder die Unfähigkeit, schlechte Nachrichten zu hören, die dazu führt, dass kritische Stimmen im Unternehmen verstummen. Oder das tiefe Bedürfnis nach Anerkennung, das Entscheidungen verzerrt. Mehr über Jungs Schattenkonzept und dessen Relevanz für die Persönlichkeitsentwicklung finden Sie in der Fachliteratur zur analytischen Psychologie.

In der Krise werden diese Muster plötzlich teuer. Die Vermeidungsstrategie, die in guten Zeiten nur zu leichten Reibungsverlusten geführt hat, wird zur existenziellen Bedrohung. Der blinde Fleck, der vorher ein Ärgernis war, wird zum Grund für die Insolvenz.

Die häufigsten blinden Flecken in der Unternehmensführung

Ich möchte keine Pauschalurteile fällen. Jede Krise ist anders, jeder Unternehmer ist anders. Aber es gibt Muster, die ich immer wieder sehe. Und es lohnt sich, sie zu benennen – nicht um zu verurteilen, sondern weil das Erkennen der erste Schritt zur Veränderung ist.

Da ist der Gründer, der sein Unternehmen nicht loslassen kann. Der jede Entscheidung selbst treffen muss, der kein Vertrauen in sein Team hat, der nachts die Mails seiner Mitarbeitenden liest. In guten Zeiten nennt man das Engagement. In der Krise zeigt sich: Es war Kontrolle. Und diese Kontrolle hat verhindert, dass das Unternehmen eigene Strukturen entwickelt, die es widerstandsfähig machen.

Da ist die Geschäftsführerin, die Konflikte um jeden Preis vermeidet. Die lieber einen schlechten Kompromiss akzeptiert, als ein schwieriges Gespräch zu führen. Die eine Schlüsselposition jahrelang falsch besetzt lässt, weil eine Kündigung zu unangenehm wäre. In guten Zeiten fällt das kaum auf. In der Krise zeigt sich: Das Unternehmen hat an den entscheidenden Stellen keine Substanz, weil die Konflikte nie ausgetragen wurden.

Da ist der Unternehmer, der die Zahlen nicht sehen will. Der den Steuerberater wechselt, wenn die Bilanz ihm nicht gefällt. Der die Liquiditätsplanung als Formalität betrachtet. In guten Zeiten gleicht das Wachstum die Unschärfe aus. In der Krise trifft die Realität wie ein Schlag. Wann ein Insolvenzberater eingeschaltet werden sollte, ist dann oft die erste konkrete Frage – und sie kommt häufig zu spät.

Verdrängung als Überlebensstrategie – und ihre Kosten

Verdrängung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Schutzmechanismus, der uns hilft, in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Ein Unternehmer, der jede Nacht über die mögliche Insolvenz nachdenkt, kann morgens nicht mehr aufstehen und arbeiten. Insofern hat die Verdrängung eine Funktion. Sie hält uns am Laufen.

Das Problem beginnt, wenn die Verdrängung chronisch wird. Wenn aus dem kurzfristigen Schutz eine dauerhafte Vermeidung wird. Wenn der Unternehmer nicht nur eine schlechte Nacht überbrückt, sondern jahrelang die Augen vor einer Entwicklung verschließt, die das Unternehmen gefährdet.

Ich habe einen Mandanten begleitet, der über drei Jahre lang wusste, dass sein größter Kunde abspringen würde. Die Zeichen waren eindeutig: sinkende Aufträge, kürzere Vertragslaufzeiten, ausbleibende Einladungen zu Strategiegesprächen. Aber er hat sich an die Hoffnung geklammert, dass es schon irgendwie weitergehen würde. Als der Kunde dann tatsächlich ging, war die Abhängigkeit so groß, dass das Unternehmen innerhalb von sechs Monaten in die Insolvenz rutschte.

Im Rückblick sagte dieser Unternehmer: Ich wusste es. Ich habe es gewusst und nicht gehandelt. Das ist der Moment, in dem der Schatten sichtbar wird. Nicht als theoretisches Konzept, sondern als sehr konkrete, sehr schmerzhafte Einsicht in das eigene Verhalten.

Die Krise als Spiegel: Was Mandanten mir erzählen

Es gibt einen Moment in fast jeder Krisenbegleitung, der mich nach all den Jahren immer noch berührt. Es ist der Moment, in dem ein Unternehmer aufhört, über die äußeren Umstände zu sprechen – über den Markt, die Konkurrenz, die Regulierung, die ungerechten Gläubiger – und anfängt, über sich selbst zu sprechen. Über die eigenen Fehler, die eigenen Muster, die eigene Verantwortung.

Das ist kein angenehmer Moment. Er ist oft schmerzhaft, manchmal beschämend. Aber er ist auch der Wendepunkt. Denn solange ein Unternehmer die Ursachen der Krise ausschließlich im Außen sucht, bleibt er Opfer der Umstände. Erst wenn er bereit ist, den eigenen Anteil zu sehen, gewinnt er Handlungsfähigkeit zurück.

Ein Mandant, Ende fünfzig, Geschäftsführer eines Industriebetriebs, sagte mir nach der Insolvenzanmeldung: „Ich habe dreißig Jahre lang funktioniert. Aber ich habe nie innegehalten und gefragt, ob das, was ich tue, noch richtig ist." Das war keine Selbstmitleidsformel. Das war eine ehrliche Bilanz. Und sie war der Anfang von etwas Neuem.

Ein anderer Mandant, jünger, Gründer eines Technologieunternehmens, erkannte in der Krise, dass er sein Team systematisch überfordert hatte – nicht aus bösem Willen, sondern weil er seinen eigenen Maßstab auf andere übertragen hatte. In guten Zeiten hatte das funktioniert. In der Krise nicht mehr. Die Erkenntnis war: Mein Führungsstil war das Problem. Und damit konnte er arbeiten. Es ist eine Haltung, die Freundlichkeit als echte Führungskompetenz versteht – nicht als Schwäche, sondern als Stärke.

Wachstum durch Krise – ohne Schönfärberei

Ich möchte hier ausdrücklich nicht in die Falle tappen, die Krise zu romantisieren. Eine Insolvenz ist keine Wellnessreise. Sie ist eine existenzielle Bedrohung, die Gesundheit, Beziehungen und Lebensqualität massiv beeinträchtigen kann. Menschen verlieren in Unternehmenskrisen ihre finanzielle Sicherheit, ihr Selbstwertgefühl, manchmal ihre Ehe. Das ernst zu nehmen, ist mir wichtig.

Und trotzdem: Ich sehe immer wieder, dass Menschen aus Krisen gestärkt hervorgehen. Nicht trotz der Krise, sondern weil sie sich in der Krise Dingen gestellt haben, die sie vorher vermieden haben. Sie haben Muster erkannt und verändert. Sie haben gelernt, Hilfe anzunehmen. Sie haben verstanden, dass Verletzlichkeit kein Makel ist, sondern eine Voraussetzung für echte Stärke.

Die Resilienzforschung bestätigt das: Posttraumatisches Wachstum ist ein reales Phänomen. Menschen, die schwere Krisen durchleben, entwickeln nicht selten ein tieferes Verständnis ihrer selbst, stärkere Beziehungen und eine klarere Orientierung im Leben. Das geschieht nicht automatisch. Es braucht die Bereitschaft, hinzuschauen. Und es braucht oft jemanden, der den Prozess begleitet.

In meiner Arbeit versuche ich, genau das zu sein: jemand, der die juristische Seite der Krise kompetent abwickelt und gleichzeitig den Menschen sieht, der in der Krise steckt. Denn die wirtschaftliche Sanierung und die persönliche Entwicklung lassen sich nicht trennen. Ein Unternehmer, der nur sein Unternehmen saniert, aber nicht seine eigenen Muster erkennt, wird die nächste Krise genauso blind erleben wie die erste.

Was ich meinen Mandanten sage: Die Krise ist nicht das Ende. Aber sie ist eine Einladung, ehrlich hinzuschauen. Auf das Unternehmen, ja. Aber auch auf sich selbst. Auf die Entscheidungen, die hierhergeführt haben. Auf die Muster, die sich wiederholen. Auf die Werte, die unter dem Tagesgeschäft verschüttet wurden. Wer diese Einladung annimmt, hat eine Chance, die wenige bekommen: die Chance, bewusst neu zu beginnen. Nicht aus der Position der Naivität, sondern aus der Position der Klarheit.

Häufige Fragen

Muss nicht, aber es lohnt sich. Die Krise legt Muster offen, die vorher unsichtbar waren. Wer bereit ist, hinzuschauen, trifft danach klarere Entscheidungen – nicht nur im Unternehmen, sondern auch für sich selbst.

In den seltensten Fällen. Viele Unternehmer, die ich begleitet habe, sind nach einer Insolvenz erfolgreicher als vorher – weil sie durch die Krise Klarheit gewonnen haben, die sie vorher nicht hatten.

Jungs Schattenkonzept beschreibt die verdrängten Anteile unserer Persönlichkeit. In der Unternehmensführung zeigt sich der Schatten zum Beispiel als blinder Fleck gegenüber Risiken, als Kontrollzwang oder als Vermeidung unangenehmer Wahrheiten. Die Krise macht diese Muster sichtbar.

Früher als die meisten denken. Wenn Sie merken, dass die Situation Sie überfordert, wenn Sie nachts nicht mehr schlafen oder wenn Sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren – dann ist der richtige Zeitpunkt. Je früher, desto mehr Handlungsspielraum bleibt.

Ja, wenn Sie bereit sind, sie als solchen zu nutzen. Das bedeutet nicht, die Krise schönzureden. Es bedeutet, aus der ehrlichen Auseinandersetzung mit dem, was schiefgelaufen ist, neue Klarheit zu gewinnen. Viele meiner Mandanten beschreiben die Krise rückblickend als Wendepunkt.

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